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Eine schwere Entscheidung

OHV-Handballer Josip Crnic wird seine Karriere als Spieler mit Abschluss dieser Saison beenden – aber er geht nicht ganz

Handball ist für OHV-Drittligaspieler Josip Crnic sein sportliches ein und alles. Am Ende dieser Saison wird er aber als Spieler aufhören.Foto: Bernd Wolfenberg

Drüber nachgedacht hat Josip Crnic schon länger. Aber den Schnitt dann tatsächlich auch zu machen, ist noch wieder etwas anderes. Und er fällt ihm schwer. Denn es ist ein Schritt in ein anderes Leben. In eins ohne den Handball, der bisher den Tagesablauf, den Wochenplan, ja den gesamten Jahresplan für ihn und seine Familie bestimmt hat, den der Drittligaspieler des OHV Aurich aber so liebt. Nach wie vor. Aber er hat sich entschieden. Mit Abschluss dieser Saison wird er seine sportliche Karriere beenden. „Der Körper macht nicht mehr mit“, nennt Crnic den Grund.

Im Januar ist er 35 Jahre geworden. „Ob du 27 oder 28 wirst, das ist egal. Da machst du dir keine Gedanken. Aber ob du 34 oder 35 wirst, ist etwas anderes“, sagt Crnic. Denn er merkt: „Mit dem Tempo der jungen Spieler kann ich nicht mehr mithalten.“ Bei allem Ehrgeiz, den er nach wie vor in jede Trainingseinheit legt. Und er ist ehrgeizig.

Nur auf der Bank zu sitzen, um dabei zu sein, dass ist nicht Josip Crnic: „Ich bin nicht der Typ, der nur zuguckt. Ich spiele Handball auch nicht des Geldes wegen.“

Entscheidung hat mehrere Gründe

Bis zu seinem 27. Lebensjahr hat er sieben bis neunmal die Woche trainiert. Nur in seinem ersten Jahr beim OHV ist Crnic Profi gewesen. Danach übernimmt er Minijobs und arbeitet inzwischen fast in Vollzeit beim Edeka-Center Coordes. Abends geht es dann weiter zum Handball-Training.

Er akzeptiert den sportlichen Lauf der Zeit und sagt deshalb: „Jetzt ist es gut gewesen.“ Es ist ja nicht nur, dass die Leistungsfähigkeit nicht mehr mit der von vor sechs, sieben Jahren vergleichbar ist und die nicht mehr mit den eigenen Ansprüchen mithält.

Jahrelanger Handball auf sehr hohem Niveau hat bei Crnic auch merklich Spuren hinterlassen. Die linke Schulter schmerzt. Die seines Wurfarms. Das Knie meldet sich. Der Rücken zwickt. Crnic ist an dem Punkt angekommen, an dem er sagt: „Dein ganzes Leben ist bisher in einer Tasche gewesen. Jetzt hat die Familie Vorrang.“

Crnic ist sieben Jahre, als er das erste Mal einen Handball anfasst. In seinem Heimatland Kroatien. Im Sportunterricht der Schule hat er im Fußballtor gestanden. Bis der Trainer mit Crnics Vater gesprochen hat: „Dein Sohn ist Linkshänder. Der muss zum Handball.“ Mit dem Ergebnis: einmal Handball, immer Handball. „Von da an war ich nicht mehr aus der Halle zu kriegen“, sagt Crnic.

Seine Karriere beginnt in Rijeka. Und die geht schnell bergauf. Er schafft es in die U18- und U19-Nationalmannschaft Kroatiens. Wird auf mehreren Turnieren als bester Spieler und bester Torschütze ausgezeichnet und macht bereits zwei Monate vor seinem 16. Geburtstag sein erstes Spiel in der 1. Liga in Kroatien.

Seine schulische Laufbahn endet nach acht Grundschul- und vier Berufsschuljahren mit dem Abschluss als Drucktechniker.

„Ich wollte mich weiterentwickeln“, nennt Crnic die Beweggründe für seinen Wechsel nach Deutschland. Zur Saison 2016/17 wagt er den Sprung. Seine erste Station: der OHV Aurich. Die Kontakte hat sein kroatischer Landsmann Karlo Oroz geknüpft, der zu der Zeit bereits für den OHV spielt. Die bürokratischen Formalitäten übernimmt der elf Jahre ältere Bruder von Crnic.

Oroz steht Crnic in der Anfangszeit auch beim sprachlichen Einstieg in der neuen sportlichen Heimat zur Seite. Denn der spricht da noch kaum ein Wort deutsch. Obwohl seine Familie vielsprachig aufgestellt ist. Seine Mutter ist Italienerin, hat vor rund 40 Jahren einige Zeit in Deutschland gearbeitet und gewohnt. „Ich wollte die italienische Sprache aber nie lernen“, sagt Crnic. Was er heute ein bisschen bedauert. Aber die deutsche Sprache spricht er inzwischen nahezu fließend.

Crnic spielt fünf Jahre, bis zum Ende der Saison 2020/21 für den OHV. Der Rechtsaußen entwickelt sich in dieser Zeit zu einer Persönlichkeit im Team und mit seiner mitreißenden Art zu einem Liebling der Fans. Um so schwerer fällt ihm am Ende jener Saison der Abschied. Im Februar 2021 hatte der OHV seinen Wechsel zur SG Ratingen bekanntgegeben.

Allein die berufliche Perspektive dort hat die Familie Crnic veranlasst, den OHV zu verlassen. Entsprechend schwer fällt der Weggang aus Aurich. Deshalb ist Crnic ganz froh, dass er Ende Mai 2021, zum Abschluss der Saison, coronabedingt vor leeren Zuschauerrängen verabschiedet wird. Er hatte es schon vorher gewusst: Das würde ihm emotional nahe gehen. Auch ohne große Kulisse wurde es für ihn ein tränenreiches Ende.

Viele Freunde hatte die Familie in Aurich gewonnen. Wir werden wiederkommen, verspricht Crnic schon damals. Das Wiedersehen kommt schneller als gedacht. Auf eigenen Wunsch beendet er die Zusammenarbeit mit der SG Ratingen bereits nach sechs Monaten. Aus verschiedenen Gründen sei es dort nicht so gelaufen wie erhofft, so Crnic damals.

Die Verbindung nach Aurich bleibt auch in seinem Abwesenheitsjahr immer bestehen. Crnic ist häufig als Zuschauer bei Heimspielen des OHV. „Wir haben dann so manches Mal bei der Fan-Familie Behrends übernachtet.“

Handball spielt auch in Zukunft eine Rolle

Im Sommer 2022 kehrt er mit Frau Ana und Tochter Lena nach Aurich und sportlich zum OHV zurück. Acht Monate war Lena jung, als Crnic mit seiner Frau 2016 nach Aurich kam. Jetzt geht seine Tochter, die in der F-Jugend des MTV Aurich Handball spielt und auch im Verein boxt, in die zweite Klasse der Finkenburgschule. Er habe immer gesagt, wenn für seine Tochter die Schulzeit beginne, dann sei für ihn Wechsel-Stopp. „Aurich ist jetzt unsere Heimat“, sagt Crnic.

Als Spieler wird er ab der kommenden Saison dem Handball fehlen, als Trainer aber weiter dabei bleiben: „Ich kann mir nicht vorstellen, nicht mindestens zweimal die Woche in der Halle zu stehen.“ Schon jetzt trainiert er die E-Junioren der JMSG Aurich und die B-Jugend der Mädchen im MTV Aurich. Crnic hat großen Respekt vor dem Frauensport: „Der wird oft unterschätzt.“

Dem Nachwuchs die Grundlagen „seines“ Sports beizubringen und zu sehen, wie er sich entwickelt, das macht ihm Spaß: „Ich möchte, dass die Jüngsten etwas lernen. Nicht nur Handball, sondern auch fürs Leben. Dann bin ich mit mir zufrieden.“

Bis zum Sommer ist Crnic aber nicht nur als Nachwuchs-Trainer gefragt, sondern auch als Spieler im Einsatz. Und für die Zeit danach freut er sich schon auf Fahrradtouren mit der Familie.

„Ich kann mir nicht
vorstellen, nicht
mindestens zweimal die Woche in der Halle zu stehen.“

Josip Crnic

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