„Schützenfest“

Und überhaupt… von Willy Oevermann

ls der Auricher Schützenverein im Jahre 1616 gegründet wurde, war das Schießpulver längst erfunden. Chinesische Alchemisten hatten es im 9. Jahrhundert aus der Mischung Kalisalpeter + Holzkohle + Schwefel entwickelt. Paradoxerweise, denn die Herren waren auf der Suche nach einem Elixier des Lebens.

Die ersten, unsicheren Hinweise auf den Gebrauch bei Geschützen in Europa stammen aus dem 13. Jahrhundert und kamen gesichert ab 1324 in Metz mit dem Feuertopf (pot de fer) zum Einsatz, ein Geschütz, mit dem pfeilartige Projektile verschossen wurden.

Zum Schutz vor Plünderbanden hatten Bürger schon seit langem Vereine gegründet, die einer Bürgerwehr ähnelten. König Heinrich I. erließ im Jahre 924 das Gesetz zur Wehrerfassung der Städte. Damit wurde die Stadtverteidigung  geregelt. Dazu gehörten Richtlinien für die Musterung der Männer sowie deren Ausbildung mit vorhandenen Waffen, wie Pfeil und Bogen, Armbrust, …, irgendwann mit Gewehren.

Mit dem Training erwuchs schon bald ein Wettbewerb, ein bürgerlicher Männersport, der zunehmend zum Freizeitvergnügen mit Publikum mutierte. Die Belustigung trat in den Vordergrund und zum Event gehörten bald ein Umzug, ein Fest und das Königsschießen. Die Vogelattrappe ersetzte die Zielscheibe. In 29 Meter Höhe thronte der Adler, ausstaffiert mit Krone, Ring, Zepter, Reichsapfel, güldenen oder silbrigen Flügeln. Es galt, das „Federvieh“ vom Boden aus in die Einzelteile zu zerlegen. Mit allerlei Schießprügeln wurde drauflos geballert. Wer die letzten Reste von der Stange holte, war der König. Nicht für ewig, aber immerhin für ein Jahr.

Nicht belegt ist der Einsatz von „Zielwasser“, dokumentiert dagegen das bei einigen Schützenfesten praktizierte „Freischießen“, bei dem sich der beste Schütze für ein Jahr von sämtlichen Steuerabgaben freischießen konnte.

Es dauerte nicht lange und ein Sportereignis mit vielen Treffern zog als „Schützenfest“ in den Sprachgebrauch des Ballsports ein. Immer dann, wenn bei einem Fußballspiel deutlich mehr Tore als gewöhnlich fallen, wird es gleich so genannt. Beim Handball hingegen braucht’s etliche Treffer mehr, um von einem „Schützenfest“ zu reden. Für das 37:36 im Spiel des OHV Aurich gegen den TSV Anderten trifft es mit Sicherheit zu: 73 Tore in 60 Minuten entsprechen nach Adam Riese alle 0,8219 Minuten ein Treffer, umgerechnet alle 49 Sekunden warf einer der Spieler ein Tor.

Die meisten Treffer auf Auricher Seite erzielte Nerdin Vunic, der damit zum ersten, noch inoffiziellen, Schützenkönig des OHV gekrönt werden könnte. Zum Hofstaat würden ferner Robin Leunissen und Max Bähnke mit jeweils fünf Treffer gehören. Den eigentlichen Vogel schoss wohl Torwart Pal Merkovski ab, als er aus fast 40 Meter ins gegnerische Tor traf. Nach meinem Geschmack: Dritter Vizekönig!

Dass der Schützenkönig während seiner Regentschaft von der Steuerlast befreit wird, ist nicht möglich, weil die erforderlichen Steuerbefreiungs-formulare derzeit nicht verfügbar sind.

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